• Julia Shimura

Treibende Wolken

Von Fumiko Hayashi.

Wenn die größte Verzweiflung darin besteht, dass man die Vernunft verabscheut, die Vernunft möglicherweise verwirft... gesetzt dem Fall, dass die Wurzel aller Dinge die Vernunft ist und in allen Dingen Vernunft liegt.

Schestow


1

Für die Weiterreise wollte sie die Dampfeisenbahn nehmen, die spätnachts ankommt. Sie war nach einem dreitägigen Aufenthalt im Rückzugslager entlassen worden, und verbrachte absichtlich den ganzen Tag lang in einer Stadt namens Tsuruga mit Nichtstun. Sie hatte sich von den verbleibenden sechzig Frauen im Lager verabschiedet, war jetzt alleine und hatte nahe am Zollhaus ein Gästezimmer gefunden, das eigentlich ein Haushaltswarenladen war, aber auch vermietet wurde. Zurück in ihrem Heimatland angekommen, legte sich Yukiko das erste Mal seit langer Zeit wieder auf Tatami.

Die Pensionsleute waren freundlich und ließen Yukiko die Badewanne mitbenutzen. Wegen der wenigen Hausbewohner wurde nur einmal Badewasser eingelassen und weißliche Nebel von menschlicher Haut trieben auf der Wasseroberfläche. Obwohl das Wasser trüb war, tat es Yukiko nach der langen Schifffahrt gut, in der Badewanne zu sitzen, während der wässrige Schneeregen gegen die verrußten, dunklen Scheiben prasselte. In solchen einsamen Stunden gab sie sich ganz ihren Gefühlen hin. Der Wind blies. Sie öffnete das verschmutze Fensterglas und blickte in den schlammgrauen Regenhimmel. Sie hielt den Atem an, als sie auf den schäbigen Himmel ihrer Heimat schaute und verlor sich in der Landschaft im Fenster. Die Narbe eines Katanahiebs kam auf ihrem linken Arm wie ein Regenwurm hervor, als sie nach dem Rand der kleinen Badewanne griff und ließ sie erschaudern. Sie gab ein wenig Badewasser auf die Narbe und versank wehmütig in einer Unmenge an Erinnerungen. Es war nicht so, als ob sie über den erstickenden Alltag nicht nachdachte, der unausweichlich auf sie zukam. Es würde öde werden. Hatte man seine Chancen verpasst, würde es öde. Yukiko wusch ihren Körper langsam mit einem verschmutzten Waschhandtuch. In dem engen verrußten Badezimmer entglitt Yukiko der Sinn für Realität und ihr war, als würde sie den Körper einer Leiche waschen. Draußen blies der schneidend kalte Wind durchs Fenster. Schon seit langem hatte Yukiko keinen solchen Wind mehr erlebt. Ein Spritzer Jahreszeit. Anschließend kehrte sie vom Badezimmer in ihr Schlafzimmer zurück, auf die tonfarbenen Tatami, wo Laken als Bett ausgelegt waren und in der Feuerstelle eine spärliche Flamme glühte. Sie fachte das Feuer an. Seitlich der Feuerstelle standen Teegeschirr und eine kleine Reisschüssel mit reichlich aufgetürmtem eingelegten Schalotten. Sie nahm die Aluminiumkanne, die vor lauter kochendem Wasser überschwappte, und goss sich Tee auf. Yukiko aß eine der Schalotten. Draußen vor den papiernen Shoji hörte sie zwei oder drei Frauenstimmen, die lautstark Anstalten machten, in das Nachbarzimmer zu kommen. Sie spitze die Ohren. In dem Zimmer, das hinter den dünnen Wänden des Alkoven lag, hörte sie den Singsang der Geishas, die mit demselben Schiff wie sie gekommen waren.

„Aber, aber, immerhin sind wir wieder da, ist doch alles gut. Hier muss ich mich nur um mich selbst kümmern... Oder nicht?“

„Es ist so kalt und beklemmend alles. Überhaupt, ich habe nichts mitgebracht, das irgendwie wintertauglich ist. Wie soll ich nur meine Garderobe zusammenstellen - grauenvoll!“

Trotz ihrer Worte klangen die Frauen unerwartet heiter. Sie kicherten und lachten unentwegt über irgendwelche Merkwürdigkeiten.

Yukiko hatte nichts weiter mehr zu tun, legte sich auf die Laken, und versuchte sich zu entspannen. Sie fühlte sich niedergeschlagen, und nichts half: sie war melancholisch. Zu allem Überdruß würde es im Nachbarzimmer wer-weiß-wie-lange laut und turbulent zugehen. Den erhitzten Körper auf den alten Laken auszubreiten, war etwas, das zwar guttat, doch die Aussicht, wieder die lange Dampfeisenbahnfahrt auf sich nehmen zu müssen, war entmutigend. Bisher hatte sie nicht den Wunsch verspürt, die Gesichter ihrer nahen Verwandten wieder zu sehen. Yukiko plante, auf direktem Wege nach Tokyo zu fahren und bei Tomioka Halt zu machen. Wenn alles glücklich verlaufen war, war Tomioka seit Mai aus Hai Phong zurück. Er war als Erster nach Japan zurückgekehrt, wollte alle Vorbereitungen erledigen und hatte versprochen, auf sie zu warten. Aber als Yukiko in Japan ankam und den kalten Wind spürte, kam ihr das Versprechen eher so vor wie das zwischen Urashima Taro und Otohime. Nur wenn sie Tomioka aufsuchte, könnte sie sich ganz vergewissern. Nachdem sie mit dem Schiff angekommen war, hatte sie Tomioka ein Telegramm geschickt. Während der drei Tage, die sie im Rückzugslager verbracht hatte, wurden Untersuchungen durchgeführt. Sobald sie abgeschlossen waren, schickte man die mit dem Schiff Zurückgekehrten in ihre jeweiligen Heimatorte. In den drei Tagen hatte sie von Tomioka keine Antwort bekommen. Wäre es anders herum gewesen, hätte sie sich möglicherweise ähnlich verhalten. Daher hatte Yukiko irgendwie bereits aufgegeben. Sie machte ein Nickerchen, aber die Zeit wollte nicht vergehen. Die Shoji waren schon dunkel geworden und im Zimmer gegenüber leuchtete die kleine Bodenlampe durch das Papier. Die Nachbarn aßen wohl gerade. Yukiko hatte ebenfalls Hunger. Sie zog den Rucksack zu sich, der am Kopfende des Bettes lag, und holte das Rationsessen hervor, das auf dem Schiff verteilt worden war. In der kleinen braunen Box fand sie ordentlich einsortiert: vier Stück Zigaretten der Marke Camel, etwas Chirigami, haltbares Gebäck, Suppenpulver, Schweinefleisch und Kartoffeln in Dosen und noch ein paar Sachen. Sie nahm etwas Schokolade heraus und knabberte auf dem Bauch liegend daran. Die Schokolade schmeckte auch kein bisschen.

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