• Julia Shimura

Saihate Tahi ist Literaturstar in Japan und, haltet euch fest, sie ist Lyrikerin

Wir kennen das ja schon. Es gibt so Lyrik, die versteht niemand. Und die Lyriker*innen selbst sind ja größtenteils auch so ein komisches Völkchen, verschroben und schlimmstenfalls auch noch experimentell. Sie säuseln, singen, krächzen und spritzen ihre unverständlichen Sätze in die Menge wie eine Impfung gegen... ja, gegen was weiß man meistens nicht. Und dann ist es schon wieder vorbei.

Versteht mich nicht falsch, ich mag Lyrik. Ich mag sie gerade deswegen, weil sie sich traut, etwas anders zu machen als es davor war. Weil sie (meistens) kurz ist und oft ziemlich intensiv. Und eben weil man nicht immer gleich zu Rande kommt mit ihr. Und weil sie so unterschiedlich ist.


Das trifft auch größtenteils auf Saihate Tahi zu: Ein wenig extravagant, etwas jugendlich, oft unverständlich, und meistens kurz. Sie zeigt ihr Gesicht nie in der Öffentlichkeit, sie hält meistens ihre jüngste Publikation davor. Als Schutz oder als Performance weiß ich nicht - was ich weiß, ist, dass sie in gefeierten Lifestyle-Magazinen für Jugendliche und junge Heranwachsende genauso gefeiert wird wie von renommierten Medien. Und jüngst hat sie noch eins drauf gesetzt, eine Ausstellung im Museum für gegenwärtige Kunst in Yokohama. Und sie hat ein Projekt mit einem erfolgreichen Schauspieler in Japan, Moriyama Mirai.


Normalerweise beurteile ich nicht nach Erfolg. Ich kenne mehrere Lyriker*innen, mit denen ich, trotz des Publikumserfolgs, überhaupt nichts anfangen kann (z. B. Marion Poschmann). Das ist ok. Aber bei Saihate Tahi reizt mich das irgendwie, der Ruhm, die Popularität ist Teil ihrer Lyrik, ihres Standings. Und mit Popularität meine ich Followerzahlen.


Ihre Lyrik ist extrem intim und - ja, shareable. Man kommt so nah selten jemanden in Instagram-Posts, Tumblr und Twitter. Saihate schreibt über Tod, Liebe, Begegnungen, Stimmungen. Einen zentralen Stellenwert nehmen Bewegungen in ihren Gedichten ein.


細胞が膨らんで、呼吸をしている、

噴水の隣で、立ち尽くしている私の影はかさなり、かさなり、

ときどき枝分かれをして、水のなかに飛び込んだ、

消えそうになるからいいな、

冷たさは、わたしが一瞬消えて、世界も一瞬消えて、

夏だけが残るからいいな、

犬の鳴き声がして、またわたしは噴水の隣で立ち尽くしている。


無人の部屋で、扇風機をつけっぱなしにしてきてしまった。

わたしがまた分裂して、増えてしまう。

もらえる愛も、減ってしまう。

いつかちゃんとゼロになってくれるかな。


片付けをしないまま死んでいく人がいるから幽霊が増える、

愛しくおもえたとき、愛しさを切り捨てたいと願ってしまう、

バラは花を切ると、きれいに次も咲くそうです。

いいな。冷たさは、わたしに通るハサミだろう。


「夏至の詩」最果タヒ



Meine Zellen dehnen sich aus, ich atme ein,

Neben dem Brunnen, stehe ich stocksteif, mein Schatten überlappt, überlappt

Manchmal verästeltelt er sich, und springt ins Wasser,

is' gut, weil er sich aufzulösen scheint

Kühle: wenn ich einen Moment verschwinde, die Welt einen Moment verschwindet,

Is' gut, weil nur der Sommer übrig bleibt,

Irgendwo Hundegebell, und ich stehe wieder stocksteif neben dem Brunnen.


In einem verlassenen Zimmer, jemand hat den Ventilator laufen lassen,

Und ich spalte mich wieder, ich vermehre mich.

Die erwartbare Liebe, sie verringert sich.

Wann wird sie wohl endlich auf Null stehen?


Weil es Menschen gibt, die sterben ohne aufgeräumt zu haben, vermehren sich Geister,

Wenn ich mit Liebe daran denke, bitte ich letztendlich, dass ich diese Liebe niederhauen will,

Wenn man die Rosen schneidet, blühen auch die nächsten schön.

Is' gut. Kälte: sie ist wohl die Schere, die durch mich hindurchgeht.


"Zur Sommersonnenwende", Saihate Tahi


Die Bewegungen sind verschachtelt, unauffällig und zart. Die Stimmungen subtil, teilweise schwer zu greifen.


Wenn man das mit anderen Instagram Poets vergleicht, ist Saihate Tahi verhältnismäßig enigmatisch, leise und - ja, ein wenig verschroben. Um so mehr ist es erstaunlich, dass ihre Gedichte so breitenwirksam sind.

Ok, man kann sagen, dass Gedichte in Japan einen anderen Stellenwert haben, indem z. B. auch Haiku-Dichtung immer noch zelebriert wird, unter anderem in Tageszeitungen, in Vereinigungen, in Wettbewerben (im Durchschnittsleben eines Japaners kommt das Haiku allerdings allemal in der Schulzeit vor, wenn man selbst man dichten muss).


Trotzdem: Was ist eigentlich passiert, dass Lyrik in Deutschland so ins Hintertreffen geraten ist? Mir fällt niemand ein, der auf Instagram und Konsorten erfolgreich Lyrik verbreitet. Und wir wissen alle ja, wie durchgenudelt der Begriff "poetisch" ist. Was ist also los in Deutschland, mit der Rezeption und Kritik von Lyrik?

Photo by Pete Pedroza on Unsplash

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